Bewegung ist ein kollektives Gedächtnis

10 Jahre G8-Gipfel in Genua, 10 Jahre staatlicher Mord an Carlo Giuliani
Genua bleibt unvergessen
Carlo vive! Die Revolte geht weiter!

Vor 10 Jahren, vom 19. bis zum 21. Juli 2001, gingen Hunderttausende Menschen in Genua gegen den G8-Weltwirtschaftsgipfel – das Treffen der Regierungschefs der reichsten und mächtigsten Staaten – auf die Straße. Am 20. Juli 2001 wurde unser Genosse Carlo Giuliani am Rande einer Demo Richtung G8-Tagungsort, die von heftigen Polizeiangriffen, aber auch von massenhafter militanter Gegenwehr begleitet war, von einem Wehrdienstleistenden der Carrabinieri-Militärpolizei aus einem Jeep heraus erschossen. 10 Jahre Massenprotest und Revolte gegen die G8 in Genua, 10 Jahre staatlicher Mord an Carlo – für uns ein Grund zur Rückschau, ein Grund zur Trauer, aber auch ein Grund zum Blick nach vorn im Zorn. (mehr…)

Bisschen Kiezrabatz

Es kommt selten vor, doch manchmal freue ich mich über meine eigenen Irrtümer. So lag ich mit meiner pessimistischen Einschätzung der „Carlo Giuliani-Gedenkdemo“ völlig falsch. Die Demonstration sollte am Samstag in Berlin-Kreuzberg bei Einbruch der Dunkelheit beginnen und ganz bewusst ohne Einwilligung der Polizei stattfinden. Eine sympathische Idee, aber ohne Aussicht auf Erfolg, dachte ich. In der Vergangenheit endete autonomer Verbalradikalismus mit einer Ladung Pfefferspray und anschließender Verbringung in die Gefangenensammelstelle der Polizei. Auch die Berliner Polizei nahm die Sache offenbar nicht allzu ernst und verkündete großmütig am Treffpunkt, dass sich jetzt bitte mal ein Anmelder vorstellen solle. Statt eines einzelnen Verantwortlichen tauchte plötzlich ein vermummter schwarzer Block auf. Als sich Einsatzkräfte der Polizei der unfriedlichen Menge näherten, um eine Begleitung der bewusst ohne Versammlungsanmeldung laufenden Personen zu gewährleisten, wurden sie massiv mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern attackiert, war später in der Pressemitteilung der Polizei zu lesen. Vermutlich von der eigenen Entschlossenheit überrascht, löste sich die Demonstration dann nach nur fünf Minuten etwas voreilig auf. Es folgten kleinere Scharmützel im Kiez. Neben dem Klassiker, den ordinären Kreuzberger Kleinpflastersteinen, wurden auch zwei Molotow-Cocktails in Richtung von Polizeitrupps geworfen. Das bisschen Kiezrabatz und die fünf Minuten unbeaufsichtigtes Demonstrieren verleiten nun einige Autonome zur wilden Selbstüberschätzung. Eine an der Demonstration beteiligte anonyme Gruppe zieht das völlig realitätsferne Fazit: „Wir haben der Staatsgewalt die unsere entgegenzusetzen.“ Auch zehn Jahre nach den Todesschüssen von Genua haben manche Bewegungslinke noch nicht verstanden, dass die frontale Konfrontation mit der Staatsgewalt ein hoffnungsloses Unterfangen ist und fatal endet, sobald man als Gegner ernstgenommen wird.

von Jesse-Björn Buckler, erschienen in Jungle World Nr. 29, 21. Juli 2011

Aktion in Mannheim

gefunden auf linksunten.indymedia.org:

„Wir haben in der Nacht vom 17.7. auf den 18.7. die Bullenwache nahe der Bismarckstraße in Mannheim mit Farbbeuteln beworfen und die Wände mit den Sprüchen „Rache für Carlo“ und „Wir vergessen nie-A.C.A.B.“ versehen.
Wir haben dies getan, um an den vor 10 Jahren von Carabinieri während des G-8 Gipfels in Genua ermordeten Genossen Carlo Giuliani zu erinnern.

DER KAMPF UM BEFREIUNG IST INTERNATIONAL!“

mheim

Plakataktion in Kreuzberg

gefunden auf de.indymedia.org:

„Durch die unterlassene Kooperation mit der Polizei des organisierten Gedenkens an Carlo nahmen sehr viele Passant_innen und Anwohner_innen in Kreuzberg 36 an der Aktion teil. Die Polizei versuchte zwar zu Beginn durch heuchlerische Lautsprecherdurchsagen, die Demo in kontrollierbare Bahnen zu lenken, scheiterte jedoch am Anliegen der vielen Teilnehmer_innen. Mit Spalier und Festnahmeeinheiten wäre nur wie sonst so oft der Eindruck einer für Außenstehende verschlossenen Demo entstanden.
So jedoch können wir uns für das Gefühl der Solidarität bedanken, dass uns am Samstag Abend zuteil wurde. Und wir hoffen, das selbe Gefühl auch ein Stück zurückgegeben zu haben.
Aus gegebenem Anlass hier das Versprechen, dass wir Leuten, die ungezielt mit gefährlichen Böllern um sich werfen, in Zukunft auf die Finger (sc)hauen werden.

Um den Ort der Demonstration wurde selbiges auch öffentlich auf Plakaten verkündet.

Aplakat

Sponti in Dortmund 20. Juli

Anlässlich des 10. Jahrestages der Ermordung von Carlo Giuliani versammelten sich heute ca 70 Menschen zu einer Spontandemo in Dortmund, um ihrer Wut und Trauer Ausdruck zu verleihen. Nach ca. 10 Minuten wurde die Demo durch Übergriffe der schnell anwesenden Bullen gesprengt.
Gegen 19:15 Uhr startete die Demo mit ca 70 TeilnehmerInnen im Dortmunder Westpark. Begleitet von Pyrotechnik und lautstarken Parolen wie „Carlo Giuliani, das war Mord“ zog die Demo über die Möllerbrücke und Lindemannstraße auf den Neuen Graben. Auf dem Weg wurden die zahlreich anwesenden PassantInnen mit Flyern über den Anlass der Demo informiert. Die Reaktionen waren geteilt, wohl auch bedingt durch die teils ziellos geworfenen Böller.
In der Nähe der U-Bahnstation Saarlandstr. fuhr ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit hoher Geschwindigkeit trotz errichteter Barrikaden und Farbflaschenwürfen in den Demozug. Die überaus entschlossen vorgehenden Bullen sprengten in voller Montur und unter rücksichtslosem Knüppeleinsatz die Versammlung, woraufhin sich die TeilnehmerInnen in verschiedene Richtungen entfernten.
Leider gelang es nicht allen Demonstrierenden sich in Sicherheit zu bringen, es gab zahlreiche Ingewahrsamnahmen. Ob es konkret nachweisbare Straftaten gibt, ist bisher nicht bekannt.

Weitere Termine

Demo:

Carlo Giuliani bleibt unvergessen!

Freitag, 22. Juli 2011, 19Uhr
Aachen Theaterplatz

Infoveranstaltung:

10 Jahre Genua – „Eine andere Welt ist möglich!“

Köln
Genua 2001 bleibt unvergessen.
Kundgebung: 23.Juli // 16 Uhr// Zülpicher Platz
mehr Infos: http://ajkoeln.blogsport.de/

Freitag, 29. Juli 2011, 19.00 Uhr
Berlin – Weißensee, Jugendhaus – Bunte Kuh
Bernkasteler Straße 78, Berlin-Weißensee
umsonst und draußen
(Bei schlechten Wetter findet die Veranstaltung drinnen statt)

Auswertung Genua Demo / Berlin

Mplatz

Gefunden auf de.indymedia.org:

Dies ist ein vorläufiger Auswertungstext von einigen, die die Demo am 16.Juli in Kreuzberg mit vorbereitet haben.
Der Schuß des Polizeibeamten Kurras auf den Demonstranten Benno Ohnesorg am 2.Juni 1967 in Berlin wurde von der damaligen Protestbewegung als absoluter Tabubruch aufgenommen.
Für die überwiegend jugendliche APO war es bis dahin unvorstellbar, dass die Generation ihrer Väter, die das Hitlerregime militärisch und polizeilich ermöglicht hatte, nun die Waffe auf einen bis dahin friedlichen Widerstand richtete. Der Tod von Ohnesorg wurde vom Staat bewußt symbolisch inszeniert; in aller Öffentlichkeit wurde bei einer Demonstration, die von der Springer Presse zum Abschuß freigegeben war, die Hinrichtung vollstreckt.
Die Bewegung nahm die Kriegserklärung an, die Demonstrationen wurden militanter und Stadtguerillas formierten sich. Eine von diesen Gruppen führte das Datum vom Mord an Ohnesorg im Namen, auch um die Herrschenden zu zwingen immer wieder den Auslöser für den bewaffneten Kampf zu erwähnen. (mehr…)

Zusammenarbeit BRD – Italien 2001

Gefunden auf de.indymedia.org:

Was haben deutsche Polizisten mit Carabineri zu tun?

>>Aufgrund der Erfahrungen mit früheren organisierten Protesten, vor allem beim zurückliegenden EU-Gipfel in Göteborg im Juni des gleichen Jahres, wurden strenge Maßnahmen ergriffen, um „die Proteste friedlich zu halten“. Italien setzte für die Zeit des Gipfels das Schengener Abkommen außer Kraft und ließ sämtliche Grenzen lückenlos überwachen. In Genua selbst wurden 20.000 Polizisten und Carabinieri zusammengezogen. In den Medien und von einigen Politikern wurde vor „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ gewarnt. (mehr…)

Bericht von Indymedia

Folgenden Bericht haben wir von Indymedia übernommen:

„[B] Unangemeldete Carlo Guiliani Gedenkdemo
Anwohner_in 17.07.2011 12:06

Am 20.Juli 2001 wurde Carlo beim G8-Gipfel von Polzisten ermordet. Deshalb fand am 16.Juli 2011 Berlin eine Gedenkdemo statt die nicht angemeldet wurde. Über 1200 Menschen folgten dem Aufruf.
Eines vorneweg. Der Bericht ist an einigen Stellen bewusst vage gehalten, um es für die Bullen schwerer zu machen, wie z.B. wo kam wann wer woher. Vielleicht schafft ihr es ja, euren Mitteilungsdrang zu zügeln und NICHT(!) in den Ergänzungen jedes kleinste Detail zu offenbaren.
(mehr…)

Eine erste Einschätzung

Als Kleingruppe, die viel Energien und Hoffnung in die Gedenkdemo für Carlo gesteckt hat, wollen wir hiermit eine kurze Bewertung der Geschehnisse veröffentlichen.

Neben dem für viele Menschen wichtigen Gedenken an die Ereignisse vor 10 Jahren in Genua war es uns unter anderem ein Anliegen, die vorherrschende Ordnung anzugreifen. Nicht nur die kapitalistische Logik hat sich in der Gesellschaft festgesetzt sondern auch der antikapitalistische Aktivismus der linken Szene folgt mittlerweile in vielen Punkten festgefahrenen und von der Staatsmacht auferzwungenen Mustern. Dass das eine das andere bedingt, versteht sich von selbst. Daher müssen wir es uns zum Ziel setzen, die Kontrollierbarkeit und Friedfertigkeit an den Berührungspunkten mit dem Staat abzulegen. Auf Demonstrationen ist dies die Polizei. Durch ihre beinahe vollendeten Konzepte der Crowd-Control versteht sie es, das Entstehen einer Bewegung von unten wie dies in so vielen Gegenden der Erde zur Zeit passiert – zu verhindern.

Mit der Demonstration am 16.07. sollte unserer Meinung nach gezeigt werden:

-wir können auch ohne Kooperation mit der Polizei demonstrieren
-wir haben der Staatsgewalt die unsere entgegenzusetzen
-wir wollen durch unseren offensiven Kampf wieder zu einer autonomen Bewegung werden

Von den Resultaten waren wir durchaus begeistert:
So pünktlich wie angekündigt zog eine Masse an entschlossenen Menschen vom Lausitzer Platz los. Die Stimmung, die sich sofort breit machte, haben wir lange nicht erlebt. Feuerwerk, Sprechchöre, ein Seil um die Demospitze und die Motivation der Teilnehmer_innen haben das übliche Maß weit überschritten. Wir hatten das Gefühl, dass viele Menschen nur darauf gewartet haben derart in die Offensive zu gehen.
Dass der geschlossene Demonstrationszug nur einige hundert Meter weit laufen konnte, ist zwar irgendwie schade und einzig dem Angriff der Polizei geschuldet, in unseren Augen dennoch nicht weiter schlimm. Im folgenden hat Kreuzberg einige Stunden erlebt, die sicherlich für Viele Hoffnungen wach werden lassen. Während sich auf der Oranienstraße die Kneipenbesucher dem Protest gegen die Polizeipräsenz anschlossen und auch immer wieder Slogans für Carlo riefen, wurden die Festnahmeeinheiten und deren Fahrzeuge rund um den Mariannenplatz angegriffen. Immer wieder formierten sich spontane Demonstrationen durch den Kiez, die entweder der Polizei auswichen oder diese angriffen. Letztendlich konnten Dank des Demonstrationscharakters mehrere tausend Personen am Gedenken an Carlo Giuliani teilnehmen. Eine angemeldete Demonstration hätte das nicht vollbracht.

Während wir auf der Straße waren, waren wir in Gedanken bei den Kämpfern aus Genua; unsere Herzen sind aber auch bei all den anderen Opfern der blutigen Polizei- und Staatsgewalt. Tagtäglich werden Menschen gefoltert und getötet in Knästen, in der Arbeit, auf der Straße. Christy Schwundek, Dennis J., Slieman Hamade, Oury Jalloh und die unzähligen Anonymen mahnen uns zum Kampf.

Wir würden uns freuen wenn wir auch von anderen Menschen persönliche Einschätzungen und Kritiken zugesandt bekommen. Bitte benutzt dazu unser Kontaktformular.