Eine erste Einschätzung

Als Kleingruppe, die viel Energien und Hoffnung in die Gedenkdemo für Carlo gesteckt hat, wollen wir hiermit eine kurze Bewertung der Geschehnisse veröffentlichen.

Neben dem für viele Menschen wichtigen Gedenken an die Ereignisse vor 10 Jahren in Genua war es uns unter anderem ein Anliegen, die vorherrschende Ordnung anzugreifen. Nicht nur die kapitalistische Logik hat sich in der Gesellschaft festgesetzt sondern auch der antikapitalistische Aktivismus der linken Szene folgt mittlerweile in vielen Punkten festgefahrenen und von der Staatsmacht auferzwungenen Mustern. Dass das eine das andere bedingt, versteht sich von selbst. Daher müssen wir es uns zum Ziel setzen, die Kontrollierbarkeit und Friedfertigkeit an den Berührungspunkten mit dem Staat abzulegen. Auf Demonstrationen ist dies die Polizei. Durch ihre beinahe vollendeten Konzepte der Crowd-Control versteht sie es, das Entstehen einer Bewegung von unten wie dies in so vielen Gegenden der Erde zur Zeit passiert – zu verhindern.

Mit der Demonstration am 16.07. sollte unserer Meinung nach gezeigt werden:

-wir können auch ohne Kooperation mit der Polizei demonstrieren
-wir haben der Staatsgewalt die unsere entgegenzusetzen
-wir wollen durch unseren offensiven Kampf wieder zu einer autonomen Bewegung werden

Von den Resultaten waren wir durchaus begeistert:
So pünktlich wie angekündigt zog eine Masse an entschlossenen Menschen vom Lausitzer Platz los. Die Stimmung, die sich sofort breit machte, haben wir lange nicht erlebt. Feuerwerk, Sprechchöre, ein Seil um die Demospitze und die Motivation der Teilnehmer_innen haben das übliche Maß weit überschritten. Wir hatten das Gefühl, dass viele Menschen nur darauf gewartet haben derart in die Offensive zu gehen.
Dass der geschlossene Demonstrationszug nur einige hundert Meter weit laufen konnte, ist zwar irgendwie schade und einzig dem Angriff der Polizei geschuldet, in unseren Augen dennoch nicht weiter schlimm. Im folgenden hat Kreuzberg einige Stunden erlebt, die sicherlich für Viele Hoffnungen wach werden lassen. Während sich auf der Oranienstraße die Kneipenbesucher dem Protest gegen die Polizeipräsenz anschlossen und auch immer wieder Slogans für Carlo riefen, wurden die Festnahmeeinheiten und deren Fahrzeuge rund um den Mariannenplatz angegriffen. Immer wieder formierten sich spontane Demonstrationen durch den Kiez, die entweder der Polizei auswichen oder diese angriffen. Letztendlich konnten Dank des Demonstrationscharakters mehrere tausend Personen am Gedenken an Carlo Giuliani teilnehmen. Eine angemeldete Demonstration hätte das nicht vollbracht.

Während wir auf der Straße waren, waren wir in Gedanken bei den Kämpfern aus Genua; unsere Herzen sind aber auch bei all den anderen Opfern der blutigen Polizei- und Staatsgewalt. Tagtäglich werden Menschen gefoltert und getötet in Knästen, in der Arbeit, auf der Straße. Christy Schwundek, Dennis J., Slieman Hamade, Oury Jalloh und die unzähligen Anonymen mahnen uns zum Kampf.

Wir würden uns freuen wenn wir auch von anderen Menschen persönliche Einschätzungen und Kritiken zugesandt bekommen. Bitte benutzt dazu unser Kontaktformular.